„Wer anfängt, gewinnt“

Leseprobe

„Durchsetzungskraft und Anschlussfähigkeit des psychoanalytischen Diskurses dürften somit in der paradoxalen Eigenschaft der Psychoanalyse begründet liegen, gerade in der Proklamierung von Destabilität die Stabilisierung einer symbolischen Ordnung, eines sozialen Mikrokosmos zu ermöglichen. Die – wenn man so will – ‚masochistische’ Variante dieser Suche nach Stabilisierung ist die Kommunikation der eigenen Leidenssituation, die eigene Identifikation mit Opferstatus und Desintegration, mit Nicht-Identität und Destabilisierung. Die – wenn man so will – ‚sadistische’ Variante, in der die aufdringliche Forderung nach zwischenmenschlicher Rücksichtnahme in den offensiven Kampf um soziale Macht umschlägt, ist der Weg der Destabilisierung des anderen zum Ziele der eigenen Integration. Es ist dies gewissermaßen der Schritt aus der Position des Analysanden in die Position des Analytikers, der als einzige Möglichkeit erscheinen mag, der Strangulation in den psychoanalytischen Verstrickungen zu entgehen. Die Strategie der Destabilisierung des anderen ist dabei um so wirksamer, als die psychoanalytischen Erklärungsmuster einen eventuellen Widerstand gegen die Fremdzuschreibung psychischer Insuffizienz als Bestätigung des diagnostizierten Zustandes lesbar machen. Nicht zuletzt ist einer Machtposition, wo sie angestrebt wird, die Zuhilfenahme psychoanalytischer Termini auch deshalb der beste rhetorische Wegbereiter, weil mit der Destabilisierung des anderen das Scheinheilungsangebot einhergehen kann. Was im Alltagsgebrauch des psychoanalytischen Deutungsmusters vor allem Niederschlag findet, sind die bekannten Machtstrategien von Destabilisierung und Manipulation.“

Zitat aus Kap. 4, S. 98f.