Reflexion der kulturellen Identität

Wolfgang Nickels Werkkomplex "Renaissance" auf Schloß Wilhelmsburg Schmalkalden

Hoch über der Thüringischen Stadt Schmalkalden thront ein architektonisches Juwel: Schloß Wilhelmsburg. Im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts als Nebenresidenz hessischer Landgrafen erbaut, ist der Bau in seiner äußeren Form wie seiner Innenausgestaltung bis heute nahezu im Originalzustand erhalten und gilt mit seinen Wandmalereien und Stukkaturen, dem "Riesensaal" und seiner bis heute bespielbaren Orgel aus dem Jahr 1590 als eine der bedeutendsten Renaissanceanlagen Mitteldeutschlands.

Die Renaissance in Schmalkalden wiederzuentdecken, bestimmt im Jahr 2019 das Ausstellungskonzept auf Schloß Wilhelmsburg. Neben den regelmäßigen Orgelkonzerten in der Schloßkirche wurde eine originalgetreue Möblierung des Westflügels in Angriff genommen. Den Auftakt zur Schmalkalder "Renaissance" der Renaissance aber bildet die Sonderausstellung mit Werken Wolfgang Nickels, die am 9. Mai 2019 in den Räumen der Kleinen Galerie im Schloß eröffnet wurde.

Folgerichtig hat Wolfgang Nickel seine Arbeiten unter das Thema "Renaissance" gestellt und überrascht den Besucher mit auf den ersten Blick ganz klassisch-kunsthandwerklichen Zeichnungen. Ja, überrascht - ist Wolfgang Nickel nicht seit einem Vierteljahrhundert vor allem als Glaskünstler bekannt? Als Schöpfer meterhoher thematischer Fenster in über 35 Thüringer Kirchen und weiteren öffentlichen Einrichtungen, der nicht nur die documenta 13 mit in Glas gegossenen Fragmenten kirchenbaulicher Grundrisse bereicherte, sondern 2017 auch zu den "Lumières du monde", einer internationalen Glaskunstausstellung in Chartres bei Paris, mit seinen Werken eingeladen war?

Doch, als Glaskünstler ist Wolfgang Nickel bekannt. Aber ebenso bekannt ist er gerade hier in Schmalkalden für seine künstlerische Vielseitigkeit und die Fähigkeit, gleichsam von einem Tag auf den anderen neue künstlerische Konzeptionen zu projektieren und ebenso handwerklich akkurat wie künstlerisch qualitätvoll zu verwirklichen. Und so hat Wolfgang Nickel für die Ausstellung "Renaissance" seine Glaskunst - denn die bleibt es - mit der in seinem Studium der Malerei und Grafik zu allererst perfektionierten Zeichenkunst zu neuartigen Werken zusammengesetzt.

Schon seine Glaskunst war und ist die Wiederentdeckung - oder Wiedererfindung - alter Traditionen: Im Zeitalter des digitalen Glasdrucks brennt Wolfgang Nickel Schicht für Schicht die auf die modellierte Glasplatte gestreuten Farbpigmente und konturiert Formen durch Bleiruten und Schwarzlot. Gegen den im Wortsinne oberflächlichen Weg zum farbigen Flachglas setzt er ganz bewußt weiterhin auf die handwerklich aufwendigere Kunstform und hält so technisches Wissen lebendig.

Ebenso ist die Zeichenkunst heute für viele junge Künstler eine Fähigkeit geworden, die nicht mehr selbstverständlich in der Ausbildung vermittelt und gepflegt wird. Ein bemerkenswertes Paradoxon: Während sich in der Renaissance der Frühen Neuzeit Malerei und Zeichnung gerade aus dem Verbund der "artes mechanicae", des Kunsthandwerks, emanzipierten und die Erfindung in den Vordergrund des künstlerischen Schaffens rückte, reisen Studierende der Bildenden Kunst heute viele hundert Kilometer, um in den Semesterferien das künstlerische Handwerkszeug zu erwerben, das ihnen in den Hochschulen nicht mehr als Grundlage vermittelt wird. Motor dieser Wiederentdeckung der Tradition sind ausgerechnet die Neuen Medien, deren Computerspiele mit ihren Animationen menschlicher Figuren einen immer höheren Standard an hyperrealistischen Zeichnungen erforderlich machen. Im hart umkämpften, weil millionenschweren Markt der Playgames stehen Entwerfer und umsetzende Künstler unter einem Erfolgsdruck, der einer Renaissance des Zeichnens den Weg geebnet hat. Ganz konkret ist, wie Wolfgang Nickel berichtet, immer wieder der klassische Faltenwurf gefragt, den Wolfang Nickel uns mit seiner "Gewandstudie" in aller Lebendigkeit vor Augen stellt.

Wolfgang Nickel hat nie von der Zeichenkunst gelassen - ganz gleich, welche künstlerische Technik das nächste Ausstellungsprojekt dominierte. Er zeichnet täglich. Denn er zeichnet, um zu sehen: Die künstlerische Umsetzung eines Bildsujets ist die beste Schule des Wahrnehmens, des genauen Hinschauens. So gehört er denn auch zu jenen Künstlern, deren Fähigkeit von Studierenden nachgefragt wird und der auch in die laufende Ausstellung auf Schloß Wilhelmsburg wiederholt das Angebot zu Zeichenkursen integriert hat - mit großem Erfolg.

"Renaissance" also als Titel einer Exposition von Zeichnung im besonderen Gewand. Das besondere Gewand eignet dabei den Dargestellten wie den Zeichnungen selber: Portraitierte in frühneuzeitlicher Kleidung und Bilder im gläsernen Passepartout. Das meinte ich, als ich schrieb, Glaskunst bleibe auch in dieser Ausstellung, was Wolfgang Nickel uns präsentiert.

In den Zeichnungen zitiert Wolfgang Nickel zum einen bekannte Werke der Kunstgeschichte: ein Portrait und ein Altarbild des Jan van Eyck (1390-1441), Kopfstudien Leonardos (1452-1519), Kopien nach Dürer (1471-1528), Michelangelo (1475-1564) und Stefano della Bella (1610-64) sowie das zeichnerische Zitat eines Frauenkopfes des zeitgenössischen Meisters Werner Tübke (1929-2004). Die Ausstellung schreitet damit einen großen historischen Zeitraum der in der Renaissance begründeten Zeichenkunst aus. Wolfgang Nickel ergänzt sie noch durch eigenständig umgesetzte Sujets wie etwa seinen Zeichnungen nach griechischen Marmorbüsten. In archetypischen Motiven wie der "Alten Frau", dem "Alten Mann", der "Frau im Kostüm", dem männlichen Akt (Studie "Muskelmann") und der bereits erwähnten "Gewandstudie" fügt Nickel weiterhin eigene Arbeiten hinzu, die im Stil der historischen Zitate der Bewahrung der alten Technik dienen. Nickel greift hier bewußt auf Bilder unseres kulturellen Gedächtnisses zurück, um sie mit neuen Arbeiten in Verbindung zu bringen. Durchaus verschmitzt führt der Künstler den Betrachter damit auch ein wenig hinters Licht: Ist ein Motiv historisch - oder ist die Portraitierte zeitgenössisch? Nicht nur bei der "Alten Frau" und nicht nur auf den ersten Blick von Fall zu Fall schwer zu entscheiden.

Der im eigentlichen Sinne künstlerische Zugriff auf Thema und Technik - Portrait und Zeichnung - aber zeigt sich, wenn Wolfgang Nickel nur die Kleidung aus alten Werken in seinen Abbildungen zitiert und in die Kragen andere Köpfe setzt: So begegnen wir in der Ausstellung einem bekannten Konterfei Martin Luthers - doch im hochgeschlagenen Revers sitzt der Kopf des schwarzen Bürgerrechtlers und Baptistenpredigers Martin Luther King. Über dem königlichen Brokat-Dekolleté einer frühneuzeitlichen Herrscherin identifizieren wir das Gesicht Michelle Obamas. Aus ihren Mandelaugen lächelt uns Greta Thunberg verlegen an. In diesen 'Schein-Kopien' liegt die eigentliche Leistung der zeichnerischen Zitate Wolfgang Nickels. Die überzeitliche gesellschaftliche Relevanz der portraitierten historischen Persönlichkeiten steht für uns außer Frage. Durch ihre Parallelisierung mit heutiger Prominenz wagen die 'Schein-Kopien' Vorhersagen zur langfristigen Bedeutsamkeit einiger unserer Zeitgenossen. Das Bild im alten Gewand macht Michelle Obama und Greta Thunberg zur 'lebenden Legende'. Überflüssig zu betonen, daß die künstlerische Aussage solcher Werke mit der zweifelsfreien Wiedererkennbarkeit der Portraitierten steht und fällt: Intrinsischer Nachweis der Unhintergehbarkeit kunsthandwerklicher Perfektion in der Zeichnung.

Und hält nicht zuweilen ausschließlich ein berühmtes Gemälde das Gedenken an die Portraitierten wach? Man denke an unzählige Duodezfürsten oder auch etwa an Holbeins Kaufmann Georg Gisze. Vor diesem Hintergrund erhält Nickels Konterfei Jamal Kashoggis (für das Deutsche zu buchstabieren als Dschamal Ahmad Chaschuqdschi) besondere Bedeutung. Der saudische Journalist, der am 13. Oktober 1958 in Medina geboren wurde und am 2. Oktober 2018 in der saudischen Botschaft in Istanbul unter mysteriösen Umständen verstarb, strebte eine Renaissance im eigenen Lande an. Er bezahlte sein Engagement mit dem Leben. Es wird vermutet, daß tatsächlich nichts mehr von ihm übrig ist - außer seinen Bildern und Schriften. Ihm setzt Wolfgang Nickel ein Denkmal im Pelzrock und der Handhaltung aus Dürers berühmtem Selbstbildnis aus dem Jahr 1500. Durch das Zitat der historischen europäischen Kleidung parallelisiert Nickel seine Figuren in ihrer Bedeutung für uns den großen Reformern der Weltgeschichte.

Und wo bleibt die Glaskunst? Sie steckt, wie schon erwähnt, in den ganz eigenen Passepartouts der Zeichnungen. Unter Aussparung der individuellen Blattgröße seiner Portraits hat Wolfgang Nickel das Bilderglas jedes Werkes aufwendig mit Farbe, Blattgold und anderen Edelmetallen belegt. Die hauchdünnen Metallblättchen, die mit Hilfe spezieller Öle und größter Vorsicht aufgebracht werden müssen, besitzen eine Größe von 10×10 cm und sind in der "Gewandstudie" fast ohne weitere künstlerische Manipulationen eingesetzt. Durch ihr Hinterfangen mit strahlendem Ultramarin-Blau kann der Betrachter hier die einzelnen Kupferfelder sehr gut erkennen. Aber selbstverständlich hat Wolfgang Nickel etliche Verfahren erprobt, um dem spiegelnden Metallgrund seiner Passepartouts zusätzliche Struktur zu verleihen. Eines davon sind die sogenannten Punktionen. Punktionen sind kalkulierte Klümpchen, die entstehen, wenn der Künstler das Öl nicht vollständig durchtrocknen läßt. Zu betrachten sind solche Punktionen im Passepartout zum Konterfei der "Alten Frau" oder auch in der Kopie nach Leonardos "Kopfstudie für die Verkündigung". Eine andere Möglichkeit, den Metallgrund zu strukturieren, stellt das Craquelé dar, bei dem die Blättchen von Hand auf dem feuchten Öl verschoben werden: In den noch erkennbaren Karrees der Blättchen um den Kopf des Cardinals Niccolò Albergati zu studieren. Besonderen Glanz verleiht Wolfgang Nickel dem Blattgold, wenn er es mit roter Farbe hinterlegt. Diese Technik macht das Passepartout um das "Portrait der Afrikanerin Katherina" so besonders reizvoll. Das Verstreichen des Öls, das mit breitem Pinsel auf das Glas aufgebracht wird, hinterläßt zum Teil sichtbare Spuren - eine weitere Variante zur Strukturierung der feinen Metallfläche.

Überhaupt sieht der Betrachter der Passepartouts Wolfgang Nickels die Gold- und Silberblättchen von der 'falschen' Seite: Streicht man gemeinhin beim Vergolden das Öl auf den Kunstgegenstand, belegt ihn mit Blattgold und beginnt zu polieren, sind in den Werken Nickels Ölschicht und Rückseite der Metallblättchen als Vorderseite des Passepartouts hinter der Glasfläche zu sehen. Poliert ist das Metall im einen oder anderen Werk dennoch, und Arbeiten wie der "Alte Mann", der "junge Mann mit Hut", die Zeichnungen nach griechischen Marmorbüsten und besonders die Passepartouts zu "Michelle Obama" und "Martin Luther King" offenbaren die Vielfalt, die die Kombination von Metallblättchen, Politur und farbigem Untergrund für den Künstler bereithält. Die Glasrahmen zu "Adam und Eva", zu Leonardos "Handstudie" und zu Michelangelos Frauenportrait spielen in besonderer Weise mit dem Einsatz von Farbe und verschiedenen Metallen. Ganz nebenbei übrigens bringt Nickel durch seine Passepartouts alle Exponate auf eine einheitliche Werkgröße von 70×100 cm. Und paradoxerweise läßt uns die Gleichförmigkeit des Gesamterscheinungsbildes der Ausstellung beim Einzelwerk um so genauer hinschauen.

Die "Frau im Kostüm", Michelangelos Frauenportrait, Nickels eigenes "Mädchenportrait", "Jamal Khashoggi", die "Alte Frau" und Leonardos "Kopf eines jungen Mädchens" führen uns vor Augen, welche Variabilität ein silbernen Hintergrund besitzt. Ein silberner Hintergrund, der bei glattem Metall und behutsamer Politur vor allem eines ermöglicht: Die Spiegelung des Betrachters im Bild. Denn das ist der dritte Kunstgriff, den Wolfgang Nickels neueste Ausstellung neben der Kombination von bewußter Renaissance der handwerklichen Zeichnung mit seiner Glaskunst und der Kombination historischer Portraits mit zeitgenössischen Bürgerrechtlern ins Werk setzt: Wie schemenhaft auch immer, vollzieht ein Silbergrund des Passepartouts die Einbeziehung des Betrachters ins Bild. Angesichts der historischen Vor-Bilder scheint so neben der Reflexion des Betrachters die mögliche Selbstreflexion der eigenen kulturellen Identität auf. Einer kulturellen Identität, die schon in der Renaissance, ja: im Mittelalter längst die Ländergrenzen überschritten hatte und die in Nickels Werk - im Konterfei der Schwedin Thunberg, der Amerikanerin Obama und des Arabers Khashoggi - zur Identität des selbstbewußten, aufgeklärten und freien Individuums wird.

Dr. Cornelie Becker-Lamers, Weimar

Der Katalog, für den dieser Text verfaßt wurde, ist im Druck.