Blatt + Werk. Stahlskulpturen von Michael Ernst und Porzellanarbeiten von Cosima Göpfert

Rede zur Eröffnung der Ausstellung

Galerie Profil Weimar, Samstag, 19. März 2022, 18 Uhr

Liebe Elke, liebe Cosima und lieber Michael, meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Galerie Profil macht ab heute mit einer Thüringer Künstlerin bekannt, deren ja noch relativ junges Oeuvre schon jetzt nicht einfach auf den Begriff zu bringen ist. Das liegt nicht nur daran, daß Cosima Göpfert in ihren Werken verschiedene Schwerpunkte der Darstellungsform von Wandbild bis Installation und von rein ästhetisch-formalen bildnerischen Essays über die dezidierte Semantisierung (also Bedeutungsaufladung) von Bildern und Skulpturen bis hin wiederum zu deren ironischer Brechung ausschreitet. Es liegt auch daran, daß die Op Art, die Optical Art, unter deren Spiel mit Formen, Farben und vor allem mit dem Licht zweifellos einige der Arbeiten Cosima Göpferts zu subsummieren sind, daß also bereits das Genre der Op Art lange nicht auf den Begriff gebracht werden konnte.

Die Kunstrichtung kam Mitte der 50er Jahre auf, erhielt ihre Benennung aber erst im Zusammenhang mit einer Ausstellung Mitte der 60er Jahre im MoMA in New York, und sie erhielt ihre Benennung nicht durch Künstler selber, sondern durch einen Rezensenten ebendieser Ausstellung. Zuvor versuchte man entsprechende Werke mit Begriffen wie Konkrete Kunst, Kinetische Kunst oder Perceptual Art - also Kunst der Wahrnehmung - zu beschreiben. Zu Recht wurde bespöttelt, von "Optical Art" zu sprechen sei, wie wenn man von hörbarer Musik reden wolle. Bildende Kunst werde schließlich immer visuell wahrgenommen.

Das ist zweifellos richtig, verkennt aber natürlich dennoch radikal das besondere Erkenntnisinteresse der Op Art, die mit ihren optischen Täuschungen, mit Vexierbildern, Kippbildern und mit Farbwechseln, die die Darstellungen tatsächlich vor unseren Augen zum Flimmern bringen, die Werke in scheinbar echte Bewegung setzt. Mit dem einfachen Sehen ist es da in keinem Fall getan. Vielmehr geht es der Op Art um die Irritation und Erweiterung unserer Möglichkeiten zu sehen und wahrzunehmen. Sie kann dabei auf eine Tradition visueller Experimente zurückgreifen, die in der frühen Neuzeit in physikalischen Experimenten mit geschliffenen Linsen und Lichtbrechungen begann.

Das sei als Hintergrund, als allgemeine Reflexion vorausgeschickt, bevor wir jetzt auf einzelne Werke Cosima Göpferts eingehen. Eine Installation, die der Konzeptkunst zuzuordnen ist, können wir derzeit im Roten Turm der Orangerie von Schloß Belvedere anschauen: ein Haufen von Brötchen und Semmeln, die durch den Werkstoff Porzellan verfremdet, aber von der Form her eindeutig erkennbar sind. Ein Bild für unsere Überflußgesellschaft, die sogar Nahrungsmittel vernichtet. Ein künstlicher Berg, der abgetragen sein will, um aus dem Erlös Spenden an die Welthungerhilfe fließen zu lassen. Kunst also, die gesellschaftspolitisch Stellung bezieht, die sich einmischt und konkret in die soziale Umwelt hineinwirken will: Echte Spenden aus echter Kunst. All das präsentiert in einem Gebäude, das exemplarisch für eine herrschaftliche Zerstreuung durch Essen stehen kann, in einem Gebäude nämlich, das einst als Teehäuschen der Herzogin und ihrer Gäste diente.

Solcherart Einmischung ist im Werk Cosima Göpferts häufiger anzutreffen, mal deutlicher, mal versteckter und nur mit Hilfe zusätzlicher Informationen zu entschlüsseln. Denken Sie an "Zu 100 oder 1000". Die Arbeit zeigt eine Fläche, aus der dem Betrachter 36 geballte Männerfäuste entgegenschlagen. Die Kabelbinder, mit denen sie befestigt sind, wirken wie Stacheldraht. Aber die Fäuste sind aus Porzellan - also selber zerbrechlich. Und wenn man sie einzeln kauft, auch noch mit Konfetti gefüllt. Ein Werk, das uns als eindrucksvoller Auftritt begegnet und doch voller ironischer Brechungen steckt.

Man findet Spruchplatten im Werk Cosima Göpferts, in denen einfach ein hintergründiger Satz zur Wirkung kommt. Und man findet ebenso Geschriebenes, das zunächst allerdings einfach nur dekorativ aussieht: Sätze in Morseschrift, deren lange und kurze Töne durch längere und kürzere Ketten weißer Porzellanpünktchen dargestellt sind. Ohne Detektivarbeit nur zu entschlüsseln, wenn die Künstlerin dem Betrachter die Auflösung des Rätsels selber liefert, was in den Katalogen freilich geschieht.

Ob eine Arbeit von Cosima Göpfert also eine klare sprachliche Aussage verbirgt (die dann freilich auch noch verstanden und interpretiert sein will) oder ob sie der Augenweide oder auch der optischen Verwirrung dient, ist nicht allein aus dem einzelnen Werk zu erschließen. In der aktuellen Ausstellung überwiegen die nicht-semantisierten Arbeiten der optical art.

In seinem Schwarz-Weiß geradezu zitathaft führt "Vertigo" eine bekannte optische Täuschung vor. Durch die gleichsinnig gegeneinander verschobenen Waben scheint der Mittelpunkt des Bildes nach hinten oder innen zu entfliehen - ein perfektes Spiel mit unseren an der zentralperspektivischen Darstellungstradition geschulten Sehgewohnheiten.

Ebenso zitathaft, der Titel deutet es schon an, ist die "Hommage" konzipiert. Unverkennbar dahinter das Vorbild der Nagelbilder Günther Ueckers. Die "Hommage" - und da sind wir denn schon wieder bei einer Bedeutungsaufladung des Werkes - erschöpft sich aber erkennbar nicht in ihrer Anspielung auf Uecker. Denn das, was bei Uecker die Nägel sind, hat ja in der Arbeit Cosima Göpferts eine ganz spezielle Ausprägung. Es sind Gipsabformungen des Beins einer Barbiepuppe, die dann allein für dieses Werk schon hundertmal in Biskuitporzellan gegossen wurden (das Werk "Stepptease" fordert etwa fünfzig weitere). Die Hommage gilt also gleichermaßen der Barbie als Ikone, als Spielzeug, als trügerisches Rolemodel, als Filmstar - es gibt mindestens 20 verschiedene Barbiefilme zu durchaus klassischen Stoffen - als verbrecherisches Schönheitsideal der 'Generation Twiggy' und und und.

Mit den Beinen der Barbiepuppe arbeitet Cosima Göpfert bereits seit 10 Jahren. Denn schon 2012 entstand "Wie lieb von dir", eine Arbeit, die einen Blumenstrauß aus Barbiebeinen zeigt. Die Röcke sind die Blütenblätter, die Beine die Stempel der Blüten, wodurch der erotische Charakter von Frauenbeinen in den Vordergrund gerückt wird, der in der Hommage m.E. fehlt - es sei denn, man sieht in der Reihung der Beine auch noch eine Anspielung auf Revuevorstellungen der 1920er bis 1970er Jahre, in denen die Beine der Tänzerinnen eben auch durch ihre parallele Reihung inszeniert wurden.

Cosima Göpfert sagt, man kann das Werk interpretieren, muß es aber nicht - also bitte!

In den "Clustern" kommt ebenfalls ein klassisches Stilmittel der op art zum Tragen, nämlich die serielle Nutzung gleicher regelmäßiger Formen - in diesem Fall mehr oder weniger flacher mehrseitiger Pyramiden. Durch die Anordnung beginnt das Auge automatisch, größere Formen aus der Kleinteiligkeit zusammenzusetzen und so das Bild für den Betrachter zu strukturieren und beherrschbar zu machen. Diese Strukturierung kommt aber nie an ein Ende, da die Anzahl der Kleinformen bei der Gruppierung nie aufgeht. Immer neue Blüten formieren sich vor unseren Augen und durch unser Gehirn, und sie nehmen zugleich der Nachbarblüte sozusagen Blätter wieder weg, indem die nächste Pyramide sich einer anderen von uns gedachten Form anschließt. Das Bild gerät in Bewegung. Die Anordnung hält es auf Dauer für unseren Blick lebendig. Ähnliches geschieht durch die Platingürtel auf jedem der 49 Porzellantellerchen von "Grid" - zu deutsch "Gitter".

Ganz zauberhaft mit Farben und Licht arbeiten "Shell" und "Buzzer". Die Werke bestehen aus von innen orangefarben angemalten, im einen Fall glasierten, im andern Fall unglasierten Parzellanhohlkörpern - kleinen Muscheln oder Halbkugeln. Das Licht, das seitlich in die Hohlkörper fällt - bei Tageslicht unvergleichlich gut möglich hier in der Galerie durch die langgestreckten Fenster direkt neben den Werken - das Licht erregt einen Widerschein der Farbe im Innern auf den freien Flächen zwischen den Porzellankörpern. Auch dies ein immerwährender Hingucker, ein Effekt, stets abhängig von Beleuchtung und Betrachterstandort, ein Werk, immer in Bewegung. Optical art.

Fast schon kinetisch ist die letzte Arbeit, auf die ich hinweisen möchte, und zwar "Breeze" - zu deutsch Brise oder Luftzug, Windstoß. Setzt nämlich ein Windstoß die gefalteten Porzellanscheiben in Bewegung, klingen einige aneinander. Das Werk gerät in Bewegung und macht dies auch hörbar. Mit "Shell" und "Buzzer" ist das Werk durch die Farbe verbunden: Im Innern der Porzellanhohlkörper der beiden Werke ist das Neonorange aufgebracht, das für "Breeze" den Hintergrund liefert.

Kommen wir zum Werk von Michael Ernst, der - anders als oben im Langhaus der Orangerie - hier nicht mit seinen kinetischen Werken, sondern mit Arbeiten der "Nexus"-Reihe und Wandbildern aus der Werkreihe der "Reflexionen" vertreten ist. Die "Reflexionen" sind Stahlplatten, aus denen mit dem Laser Formen herausgeschnitten wurden. Diese Formen sind dabei nicht irgendein Entwurf, sondern aus dem Werk Michael Ernsts selber abgeleitet. Die Vorlagen für den Laser sind computerbearbeitete, also vereinfachte und verdeutlichende Fotografien kinetischer Skulpturen von Michael Ernst - in diesem Fall der langgestreckten Skulptur "Brainfish". Durch das Aufbiegen der Stahlplatte, ihre farbliche Fassung auf der Innenseite und die Hinterlegung mit einem Spiegel macht aus den "Reflexionen" vielschichtige und faszinierende Wandbilder, die die Mehrdeutigkeit ihres Titels selber unterstreichen: Sie sind zum einen Selbstreflexionen des Oeuvres Michael Ernsts, denn sie selber reflektieren ja formale Möglichkeiten seiner kinetischen Skulpturen, sie reflektieren andererseits aber auch sich selber - der Spiegel wirft ja die rote Färbung zurück - und außerdem die Umwelt, indem sie immer auch Teile des Raums und im Fall dieser Hängung hier sogar andere Kunstwerke reflektieren: Von einem Punkt aus sieht man das schreiende Orange von "Breeze" in ihren Spiegeln.

Die Reihe "Nexus", von der wir hier sieben Werke sehen, nimmt uns mit immer neuen Essays zum Thema Material und Balance gefangen. Noch stärker als in den älteren Arbeiten der Reihe ist in diesen Werken die Beherrschung des Werkstoffs besonders frappant: Mit einem zweieinhalb Meter langen Hebel, der den Künstler zugleich vor der über 1000 Grad großen Hitze bewahrt, gelingt es Michael Ernst, die 4 cm dicken Stahlbarren in eine organische und gleichmäßige Rundung zu zwingen. Das Schmieden ist dabei wie immer eine Gratwanderung zwischen dem Verbrennen des Stahls und der Erstarrung des erkaltenden Werkstücks. In den Exemplaren von "Nexus" wird erkennbar - und für uns Betrachter doch eigentlich unglaublich - Materie bezwungen, wie man so schön sagt. Doch es ist der schaffende Mensch, der sich den Eigenheiten der Materie unterordnen muß, um sie beherrschen zu können. "Nexus" - das sind rhythmische Bewegungen im Raum. Der Inbegriff des Harten, das sprichwörtlich Stahlharte, wird in eine schmeichelnde Form gezwungen. Doch Nexus heißt auf lateinisch eigentlich Verknüpfung oder Verbindung. Der im Schmiedefeuer erhitzte Stahl wird zur Schleife gebogen, die Stahlbarren werden umeinandergeschlungen. Eine weitere Herausforderung stellt sich der Künstler mit der Balance der ganzen Skulptur auf den Ecken zweier Barren. In ihrer horizontalen Ausrichtung werden die verschlungenen Barren der "Nexus"-Reihe zum Sinnbild des Ausgleichs und einer immer gefährdeten Stabilität ausgeglichener Waagschalen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Cornelie Becker-Lamers, Weimar