Kamelie & Skulptur. Michael Ernst und Cosima Göpfert

05.03.2022

Rede zur Ausstellungseröffnung

Weimar, Orangerie des Schlosses Belvedere, 5. März 2022, 15 Uhr

Sehr geehrter Herr Pahl, liebe Elke Gatz-Hengst,

liebe Cosima Göpfert und lieber Michael Ernst,

sehr geehrte Damen und Herren,

erinnern Sie sich noch an die "Steckfiguren" von Michael Ernst? An die aus einem Stück geschmiedeten, spindeldürren Gesellen, die mit gesenkten Köpfen in Gruppen beisammen stehen, den Schrotkeil gewissermaßen im Nacken - als Nacken? Erinnern Sie sich an die Skulpturengruppe der "Wings", die auf mannshohen Stelen ihre beiden Flügel in je unterschiedliche Richtung in den Himmel ausbreiten? Erinnern Sie sich an die aus einem Stück geschmiedeten "Engel"?

All diese Arbeiten sind vor 10, 15 Jahren entstanden, die "Engel" sind sogar noch früher. Wenn ich in dieser Zeit über die Kunst von Michael Ernst geredet habe - das war vor 10 Jahren das erste Mal - habe ich immer hervorgehoben, welches Bild von Schmiedearbeiten dem Künstler damals vorschwebte: Der Reiz des Archaischen im selbst geschmiedeten Werkstück trieb ihn zum Arbeiten, die spezifische Oberfläche des in der Witterung gerosteten Stahls, die Narben und charakteristischen Strukturen der rauhen Schmiedearbeiten. Schweißnähte störten damals diese spezifische Idee der Werkästhetik, denn Schweißnähte müssen geglättet werden. Alle gerade genannten Skulpturen wurden daher aus einem Stück geschmiedet oder zusammen gesteckt und verkeilt - daher auch jederzeit wieder zerlegbar. Schweißarbeiten waren damals in der Kunst von Michael Ernst ausgesprochen selten.

Was die Galerie Profil ab heute hier erstmals von Michael Ernst zeigt, ist vor diesem Hintergrund wirklich neu. In den vergangenen zwei bis drei Jahren hat der Künstler eine Werkreihe geschlossener Metallarbeiten geschaffen, die aus geschweißten, 3 mm dicken Stahlblechen bestehen: Die "Archen", von denen Sie hier sechs unterschiedliche Exemplare sehen können. Die Oberfläche der Arbeiten vermittelt allerdings die gewohnte Ästhetik: Stahl, säurebehandelt, um den Rost schneller greifen zu lassen, dann aber schlicht durch Regen gerostet, so daß die charakteristischen Spuren der Wassertropfen auf den Flächen sichtbar geworden sind. Ja nachdem, wie die einzelne Fläche der Witterung ausgesetzt war, unterscheiden sich diese Spuren und die entsprechenden Verfärbungen des Materials und das Werk bleibt weiterhin in dieser Hinsicht veränderlich.

Für die "Archen" hat Michael Ernst Stahlplatten zugeschnitten und mit verschmolzenen Schweißdrähten verbunden. Zentral für die Ästhetik ist natürlich der Schwung und der Verlauf der Kanten. Es ist in den Exponaten perfekt gelöst. Die Assoziation "Schiffsrumpf" ist beim Betrachten sofort da.

Das künstlerische Erkenntnisinteresse ist in diesen Arbeiten wie immer vielfältig. Da ist zum einen der Versuch, Bewegung einzufangen. Jede "Arche" ist ein fragmentarischer Schiffsrumpf oder auch ein Schiffsbug, den der Sturm gepackt hat und beutelt. Jede Arche steht auf der Spitze des Buges, auf dem Scheitelpunkt der Reling, hier ist sprichwörtlich das Unterste zuoberst gekehrt. Jede Skulptur ist die Momentaufnahme einer Krise auf ihrem Höhepunkt. Mir fiel spontan eine Strophe aus der Ballade "Nis Randers" ein, die von einer Seenotrettung aus der Sturmflut handelt: "Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!/ Nun muss es zerschmettern ...! Nein, es blieb ganz! .../ Wie lange? Wie lange?"

Was die spezifische Form der "Archen" gewissermaßen noch nebenbei "mitliefert" ist die Assoziation der Mondsichel. Sie ist nicht intendiert, aber glaube ich einfach vorhanden und sie ist ebenfalls bei Michael Ernst bereits in der einen oder anderen kinetischen Skulptur auszumachen. Titel wie "Kosmos" legen eine solche Assoziation dann auch jeweils nahe. Und so ist auch bei der Thematik von Seenot und Sturmflut der Gedanke an den Mond nicht weit - schließlich sind ohne den Mond überhaupt keine Gezeiten denkbar.

Eine weitere Assoziation, die die "Archen" bereithalten, ist die Form des Flügels - auch diese Form im Werk Michael Ernsts bereits bestens bekannt. Die "Wings" habe ich schon erwähnt, und auch die "Engel" leben vor allem von ihren sich nach oben hin weit ausbreitenden Flügeln. Der Ursprung der Flügelform im Werk Michael Ernsts war wohl zunächst tatsächlich die Pflugschar, die er schmieden wollte. Die Form zieht sich seither in ständiger Veränderung auch in den kinetischen Werken durch sein Oeuvre - denken Sie an die beiden hohen Skulpturen mit den scheinbar fliegenden Vögeln, in denen eine Art Flosse oder Flügel das Gegengewicht zu den Figuren und zugleich den Angriffspunkt für den die Skulptur in Bewegung setzenden Wind bildet.

Die Darstellung des krisenhaften Geschehens in den "Archen" bringt eine weitere künstlerische Herausforderung an die handwerkliche Umsetzung der Werke, bringt aber auch ein weiteres Thema der Werkreihe mit sich: das Thema der Balance. Denn wie gesagt steht jeder Schiffsbug auf der Spitze. Balance als Möglichkeit der Bewegung, aber auch als verhinderte Bewegung - im Fall der "Archen" also das Verhüten des vollständigen Kenterns - wird mit ihren verschiedenen Implikationen und Konnotationen im Werk dieses Künstlers immer erneut ausgelotet. Ich glaube, es geht jeweils gut aus. Denn letztlich sind die "Archen" aus Stahl, sehr stabil. Sie können nicht wie ein Boot aus Holzplanken zerschellen. Es entsteht daher der Eindruck eines sicheren Steuerns durch stürmische See. Die namengebende biblische "Arche" hat schließlich auch überlebt.

Mit den Themen Bewegung und Balance sind wir dann also letztlich doch wieder bei dem Michael Ernst angekommen, den wir aus früheren Ausstellungen kennen. Wie die Werkreihe "Nexus", deren jüngste und gegenüber den älteren Arbeiten veränderte Exemplare wir ab dem 19. März unten in der Galerie Profil sehen werden, wie die Werkreihe "Nexus" und die kinetischen Skulpturen trägt das immer erneute Beleuchten von Bewegung und Balance im einzelnen Werk durch das künstlerische Schaffen Michael Ernsts hindurch. Ein weiteres Beispiel dieser Themenstellung sehen Sie in den drei Skulpturen der Werkreihe "Raumfaltung", die hier ebenfalls erstmals zu sehen sind, wenn Sie das Langhaus ganz bis hinten durchgehen. Die drei "Raumfaltungen" sind sogar erst in diesem Jahr, 2022, entstanden. Auch hier ist mit den an zwei Sollbruchstellen geknickten, nicht ganz rechtwinkligen Stahlblechen, das Thema Balance unübersehbar. Auch die "Raumfaltungen" stehen auf einer Spitze. Auf mich persönlich üben sie daher eine ähnliche Irritation aus wie die "Knoten", die Michael Ernst vor gut zehn Jahren aus zentimeterdicken Stahlbarren geschaffen hat. Bei den "Knoten" war es die Irritation, scheinbar den Inbegriff des Weichen - nämlich ein Tuch - aus Stahlbarren geknotet zu sehen. In den "Raumfaltungen" muß ich ebenfalls immer an ein Tuch - an ein Taschentuch beispielsweise - denken, das mir hier jedoch starr und unbeweglich, gleichsam auf einer Ecke balancierend begegnet.

Zum Thema Bewegung sehen wir auch in dieser Ausstellung wieder zwei kinetische Skulpturen, "Kosmos" und "Circular", die bekanntlich das Spannungsfeld von Ruhe und Bewegung ausschreiten. In der Auslenkung der Skulpturen, die mit aller Vorsicht gestattet ist, und der Beobachtung einer Rückkehr der Teile in die Ruheposition ist die Darstellung der Zeit das eigentliche Thema dieser Werke. Zeit und ihr Verlauf, der Gehalt eines Moments unserer Lebenszeit wird hier erlebbar und reflektierbar gemacht.

Verlieren wir noch ganz kurz einige Worte zur Biografie und dem Werdegang des Künstlers: Michael Ernst ist ausgebildeter Kunstschmied, arbeitete nach einem Studienaufenthalt in Japan zunächst im väterlichen Betrieb und bildete sich über Arbeitsaufenthalte in Schottland, Frankreich und vor allem mehrmals in Portugal letztendlich autodidaktisch zum Metallbildhauer, zum Künstler aus, indem er an entstehenden Kunstwerken, an Kunst am Bau oder Kunst im öffentlichen Raum mitarbeitete. Seit 2002 ist er als freischaffender Künstler tätig, erhielt mehrere Stipendien und Preise und ist mit seinen Werken international auch in öffentlichen Sammlungen vertreten. Seit 2011 ist er Mitglied des Verbandes Bildender Künstler Thüringen.

Kommen wir nun endlich zur zweiten Künstlerin der heutigen Ausstellung, zu Cosima Göpfert. Die ungleiche Verteilung der Redeanteile über Michael Ernst und Cosima Göpfert hängt einfach nur damit zusammen, daß hier oben in Belvedere mehr Werke und Werkgruppen von Michael Ernst im Langhaus zu sehen sind und von Cosima Göpfert nur der Rote Turm bespielt wird. Warum freilich gerade dieser Platz, der Rote Turm, für dieses Kunstwerk besonders gut gewählt ist, werden wir im folgenden noch hören. In der Ausstellung "Blatt + Werk" jedenfalls, die in zwei Wochen im Galerieraum der Galerie Profil in der Geleitstraße eröffnet werden wird, werden sich diese Anteile verschieben und dort werde ich auch deutlich mehr zu den unterschiedlichen Aspekten in Cosima Göpferts Werk reden und weniger zu Michael Ernst.

Cosima Göpfert erhielt zunächst eine Ausbildung zur Grafikerin in Regensburg, bevor sie ein Kunststudium an der Burg Giebichenstein Halle aufnahm und dann noch einmal nach Weimar an die Bauhausuniversität wechselte. Hier studierte sie bei Naomi Salmon und Norbert Hinterberger. Seit 2012 ist sie als freischaffende Künstlerin tätig und erhielt seither mehrere Stipendien und Förderungen. Mit ihren Werken ist sie in Sammlungen Deutschlands und der Schweiz vertreten.

Cosima Göpfert arbeitet vor allem mit dem Werkstoff Porzellan, das sie in einem eigenen Brennofen im Garten ihres Wohnhauses brennen kann. Für das hier im Roten Turm gezeigte Werk griff sie dennoch auf die Unterstützung und Förderung durch die Porzellanmanufaktur Kahla zurück. Denn das Werk besteht aus 1000 Teilen. Es ist eine konzeptionelle Arbeit. Die Künstlerin hat dazu gewöhnliche kleine Brote, Semmeln und Doppelwecken aus dem Handel abgeformt und als Porzellanhohlkörpern gießen und brennen lassen. Die Gußlöcher wurden verschlossen, die Skulptur ist geschlossen. In einem Berg dieser verfremdeten, weil strahlend weißen Brote und Brötchen, macht das Kunstwerk auf gleich mehrere gesellschaftliche Probleme aufmerksam, die der Künstlerin unter den Nägeln brennen. Da ist zum einen der Hunger in der Welt. Nicht nur in Krisenregionen und langjährigen Kriegsgebieten hungert die Bevölkerung, sondern auch dauerhaft in klimatisch bedrohten Teilen dieser unserer Einen Welt. Zugleich werden in unserem Land, quasi vor unserer Haustür, an den Lieferanteneingängen der Restaurants, der Hotels und Kaufhallen, aber auch im privaten Hausmüll täglich wohl Tonnen von zum Großteil noch genießbaren Lebensmitteln verworfen und vernichtet. Ja, es ist sogar verboten, sich nach Geschäftsschluß der Supermärkte an diesen Containern zu bedienen und Lebensmittel zu retten. Subventionen fördern produktspezifische Überproduktion - eine Zeitlang sprach man vom Butterberg und dem Milchsee der Europäischen Union aufgrund der Agrarsubventionen - eine Überproduktion, die dann ebenfalls häufig zur Vernichtung genau der Lebensmittel führte, die andernorts fehlten.

Lassen wir nun in Kürze die Geschichte des Ausstellungsortes, des Roten Turms, revuepassieren: Der Turm wurde nicht original hierher gebaut, sondern aus dem Garten des Wittumspalais am Theaterplatz hierher versetzt. Bevor er hier in den Jahren zwischen 1819 und 21 wiedererrichtet wurde und dann als Bibliotheksstandort für botanische Studien diente, war er 1775/76 auf den Grundmauern eines ursprünglichen Wehrturms der Weimarer Stadtmauer als "Chinesischer Pavillon" errichtet und von Adam Friedrich Oeser ausgemalt worden. Die Chinoiserien an den Wänden verweisen bereits auf den ursprünglichen Zweck des Baus als Teehäuschen. Man weiß, welcher Aufwand betrieben wurde, um den fürstlichen Herrschaften ausgesuchte Tafelfreuden im Freien zu ermöglichen. Goethe hat das in seinen biographischen Erinnerungen festgehalten - denken Sie an das Luisenfest in eilends errichteten Bauwerken im Ilmpark im Juli 1778. Goethe erwähnt hier auch das unverhohlene Mißfallen der Herrschaften, wenn ein erwarteter aufwendiger Imbiß im Rahmen einer solchen nachmittäglichen Feier auszubleiben drohte. Der Rote Turm also: Ein kleines Gartenhäuschen der Herzogin Anna Amalia für dergleichen nachmittägliche kulinarische Zerstreuungen. Oesers Fresken wurden vor dem Abriß des Turms in der Stadt abgenommen und hier wieder eingefügt. Die Chinoiserien erinnern also nach wie vor an die ursprüngliche Bedeutung und Nutzung des kleinen Bauwerks. Was für ein Standort für Cosima Göpferts Werk!

Die Idee zu dem Werk "Kleine Brötchen & Warme Semmeln", dessen Titel bewußt mit zwei Redensarten unserer Sprache spielt, hing mit dem spontanen Impuls der Künstlerin zu einer persönlichen Spende zusammen. Aus dieser eigenen Spende entstand die Idee zu einem Werk der Konzeptkunst, denn die Konzeptkunst bringt als Kunstrichtung bereits das Format zur gesellschaftlichen Einmischung mit. Diese Einmischung kann sich durch Installationen, objets trouvés oder auch sprachliche Arbeiten vollziehen - in Arbeiten also, die mehr oder weniger explizit eine Forderung an die Gesellschaft und die einzelnen Betrachter formulieren. Auch wenn es der Künstlerin also - wie der Werktitel nahelegt - bewußt ist, daß auch sie mit diesem Kunstwerk nur "Kleine Brötchen" backen und den sprichwörtlichen "Tropfen auf dem heißen Stein" bewirken kann, so ist ihr Wunsch doch, die einzeln zu erwerbenden Kleinskulpturen - Brote, Semmeln und Doppelwecken aus Porzellan - möchten "weggehen wie warme Semmeln". Denn der Verkauf jedes einzelnen Werkteils führt zu einer Spende in Höhe von 20% des Kaufpreises, die an caritative Institutionen, nämlich die Welthungerhilfe und die Organisation Save the Children, überwiesen werden.

Auch in "Kleine Brötchen & Warme Semmeln" von Cosima Göpfert ist also Bewegung ein Thema. Allerdings bewegt sich das Werk nicht selbst. Es will uns bewegen, umzudenken und etwas Gutes zu tun.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Cornelie Becker-Lamers, Weimar