EinBruch. Steffi-Babett Wartenberg.

Rede zur Ausstellungseröffnung

Eichsfeldmuseum Heilbad Heiligenstadt, Sonntag, 26. April 2026, 15 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Haut, liebe Babett,

ich freue mich sehr, hier sprechen zu dürfen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlich willkommen in der Ausstellung "EinBruch" des Eichsfeldmuseums. Steffi-Babett Wartenberg zeigt hier Arbeiten aus vier Werkserien: Hell-Dunkel-Gebilde, Werke aus der Schwarm-Serie, aus der Solitude-Serie und aus der Serie Farbklang und Linienspur. Das Programm der Ausstellung, das die Werkauswahl bestimmt, ist die Auseinandersetzung mit biographischen Brüchen. Wartenberg ist in Heinersdorf im Sperrbezirk nahe Sonneberg aufgewachsen, und so ist der Bruch in ihrer Biographie vor allem der Mauerbau und der Mauerfall. Den Mauerbau hat die Künstlerin zwar noch nicht selber erlebt. Aber bekanntlich beginnt unser Leben weit vor unserer Geburt, in dem Sinne, daß wir die Leiden unserer Eltern mit austragen. Und die Isolation, die das Leben in dem rundum eingezäunten 1000-Seelen-Ort Heinersdorf bestimmte, prägte Wartenbergs Kindheit und Jugend.

Und so atmen die hier ausgestellten Werke von Beginn an den Zeitbezug zu deutscher Teilung und Wiedervereinigung. Schon die Entstehungsdaten verweisen auf diesen Zusammenhang. Wiederholt begegnet uns die Jahreszahl 2014 - das Jahr, in dem 25 Jahre nach dem Mauerfall in Interviews und Berichten an die damaligen Ereignisse erinnert wurde sowie an die Tatsache (oder Behauptung), daß die deutsche Teilung seither der Vergangenheit angehöre.

Aber wie wir von Christa Wolf wissen, ist das "Vergangene [...] nicht tot; es ist nicht einmal vergangen." Es kann noch jahrzehntelang die Einzelnen belasten oder beflügeln, aber auch beliebig zurechtgeknetet und von allen Seiten zur Argumentation genutzt oder mißbraucht werden.

Das Vergangene ist nicht vergangen: Der Hell-Dunkel-Zyklus entsteht zwischen 2014 und 2017, die offene Schwarm-Serie beschäftigt Wartenberg ebenfalls seit 2014, und die Solitude-Serie, die den Verweis auf die Einsamkeit und Isolation sogar im Namen trägt, treibt die Künstlerin seit 2020 um, als 30 Jahre (eine Generation) nach dem Mauerfall und 60 Jahre (zwei Generationen) nach dem Mauerbau die Maßnahmen zur Corona-Pandemie die Erinnerungen an die staatlich verordnete Isolation ihrer Kindheit mit Gewalt in ihr wachrufen.

Beginnen wir mit der Solitude-Serie. "Solitude", Einsamkeit. Französisch ausgesprochen, meint der Begriff in der barocken Gartenkunst lauschige Plätzchen der Zurückgezogenheit und Ruhe, der Naturnähe abseits des gesellschaftlichen Trubels und der höfischen Etikette, ein Ort des Zu-sich-Kommens und der Selbstreflexion. Auch diesen Aspekt rufen die Solitude-Werke Wartenbergs durchaus ab. "Dargestellt" - in Anführungsstrichen "dargestellt" - Thema, könnte man auch sagen, ist immer ein Steinbruch in Heinersdorf, der als verbotener, tatsächlich ja potentiell lebensgefährlicher Abenteuerspielplatz der Dorfkinder immer spannende Spiele und wohliges Gruseln versprach, dessen Wucht aber auch Ehrfurcht vor der Erhabenheit der Natur in dem Kind Babett wachrief. In den Tuschearbeiten wird der Steinbruch zum Symbol für die Mauersteine und damit für die Isolation und subjektive wie objektive Einsamkeit des Sperrgebiets. Die Mauer, die sich wie eine weiße Schlange durch die Landschaft zog, sah die Künstlerin vom Fenster ihres Kinderzimmers aus. Sie war als Bild und Begrenzung immer präsent.

Was ruft Stein, wird er in dieser Weise zum Thema von Kunst gemacht, für Assoziationen auf? Zwecks Beherrschung oder Bestrafung ist die Versteinerung aus Mythologie und Märchen bekannt. Die Giganten der griechischen Göttersagen sind erdgeborene Wesen, die Felsen aufeinandertürmen, um bis zum Himmel zu gelangen, die mit Felsbrocken um sich werfen und schließlich von den Göttern unter Felsen begraben werden, so daß sich Sagen herausbilden, die Berge und Vulkane mit Körpern toter Riesen identifizieren. Auch die Nymphe Echo wird versteinert, nachdem sie Juno mit rhetorischem Geschick überlistet hat. Und im Musicalfilm Die Eiskönigin, dessen zweiter Teil Ende 2019 in die deutschen Kinos kam, sind Felsen schlafende Riesen, die den Figuren später gefährlich werden.

Vor allem aber erinnern die Steinformationen der Solitude-Serie an die hoch aufragenden Klippen des Inferno und des Läuterungsbergs, wie Dante sie in der Göttlichen Komödie beschrieben und Gustave Doré sie in zahlreichen berühmt gewordenen Stichen illustriert hat. Menschliche Figuren scheitern in der Hölle an den steilen Felswänden, zwischen denen sie in alle Ewigkeit darben müssen, und die Mühen des Läuterungsberges bestehen im schrittweisen Erklimmen der steilen Wände. Der Läuterungsberg ist bei Dante übrigens die Ausstülpung, deren negative Seite die Hölle ist. Läuterungsberg und Hölle sind die zwei Seiten derselben Mauer oder Felsformation.

Steht auch bei Wartenberg die innerdeutsche Mauer für Höllenfelsen oder Läuterungsberg? Tatsächlich war die deutsche Teilung eine Strafaktion nach dem Zweiten Weltkrieg. Und es waren vor allem Unschuldige, wie Babett Wartenberg nach dem Mauerbau geboren, die in ihrer Lebenszeit die Sühne leisten mußten für Verbrechen, die sie nicht begangen hatten. Die Erkenntnis, der Osten Deutschlands habe mit Vertreibung, Reparationen und Isolation beinahe allein für den Zweiten Weltkrieg gezahlt oder 'gesühnt', ist zudem m.E. Konsens. Die Mauer mußte wieder verschwinden und zu dem Steinbruch werden, von dem sie gekommen war.

Und so gerät Wartenbergs Felsformation tatsächlich in Bewegung. In Solitude 006 verflüssigen sich die tiefen Schrunden der Wände und fließen förmlich aus dem Bild heraus. Die Darstellung wird real und tritt aus der Bildfläche in die dritte Dimension. Die Felsspalten werden zum Band zwischen der Fiktion ihrer künstlerischen Aufhebung im Bild und realen Steinen, die die Künstlerin aus dem kleinen Fluß Tettau in Heinersdorf geborgen hat. Das symbolische Bild des Steinbruchs also löst sich in einzelne Steine auf.

Die Tettau durchquert Heinersdorf in Nord-Süd-Richtung nach Bayern. Direkt am Ortsausgang verschwand sie zu Ostzeiten hinter einem elektrifizierten Wehr. Auch das Spielen am Fluß also war für das Kind Babett nicht nur unbeschwert und unverwehrt. Und damit sind wir beim Wasser, das ebenfalls schon in der Mythologie als Fluß eine unüberwindliche oder auch rettende Grenze markiert. "Die Flucht zur Furt" heißt das Kapitel im ersten Band von Tolkiens Trilogie Der Herr der Ringe. Frodo und einige Gefährten sind auf dem Weg zum Fluß, dessen Querung sie in ein sicheres Land bringt. Unterwegs erschrecken die Vorauslaufenden über versteinerte Riesen-Trolle. Sie halten die Figuren für lebendig und fürchten sich. Doch die Trolle sind lichtscheue Gestalten und versteinern, sobald die Sonne aufgeht. In der Vorgeschichte, Der Hobbit, hatte Tolkien erzählt, wie die Trolle durch eine List des Zauberers Gandalfs versteinern. Diese Vorgeschichte ist im Herrn der Ringe da gerade 60 Jahre her - so lang wie der Mauerbau zu Coronazeiten. Daß nun - im Herrn der Ringe - einer der Hobbits vor den versteinerten Trollen Angst hat, läßt Frodo auflachen: "Wir vergessen unsere Familiengeschichte. Das müssen genau die drei Trolle sein, die Gandalf erwischt hat, als sie sich über die Frage stritten, wie man am besten dreizehn Zwerge und einen Hobbit zum Essen kocht."

Das Gewahrwerden der Familiengeschichten, also das Bewußtwerden dessen, daß die innerdeutsche Grenze nicht gottgegeben wie Inferno oder Läuterungsberg, sondern menschengemacht ist und deshalb von Menschen überwunden werden kann, thematisiert die Schwarm-Serie. Inspiriert aus Vogelschwärmen, die ja stets auch über die Grenze hin und her flogen und immer ein Symbol der Freiheit waren, gezeichnet jeweils aus mehr als 1000 winzigen Pinselstrichen, reflektieren die Schwärme die Macht, die viele Einzelne, zur Gruppe geeint, erlangen. Sicher - in der Masse geht das Individuelle verloren. Aber eine Sehnsucht, die alle Einzelnen vereint, kann nur so Wirklichkeit werden. 1989 machte sie die Berliner Mauer zum Steinbruch - zum Teil im Wortsinne.

Künstlerisch ist in der Schwarm-Serie die Herausforderung, die Beweglichkeit und Veränderlichkeit des Schwarms in einem feststehenden Abbild zu suggerieren. Wartenberg stellte fest, daß Fotos von Vogelschwärmen leblos wirken und die überwältigende Eindrücklichkeit der sich ständig anders formierenden Vögel in keiner Weise wiedergeben können. Die Schwarm-Serie ist also eines der Beispiele, in denen die Malerei der Fotografie überlegen ist, weil sie dem 'objektiven' Abbild Elemente hinzufügen kann, die die Realität besser einfangen als das 'Objektiv'.

Der Schwarm-Serie verwandt, aber durch besondere Werktitel gewissermaßen ausgekoppelt sind die drei Arbeiten Subversion, Dilemma und Freie Meinung!? Ausrufezeichen Fragezeichen. Auch diese drei Werke erhalten räumliche Tiefe. Auf drei Lagen Transparentpapier sind Schwärme in diesen Fällen gestempelt. Durch die unterschiedliche Überlagerung mit Transparentpapier verblassen die tieferliegenden Zeichen und treten räumlich zurück. Das lehrt schon die klassische Perspektiv-Darstellung: entfernter Liegendes erscheint blasser, in der Realität durch die Luftschichten - in den Werken imitiert durch das Transparentpapier. Durch ihre Hinterleuchtung in den Lichtkästen entfalten die Werke eine zusätzliche Raumwirkung.

Dilemma besteht aus einem Schwarm von Lorbeerkränzen, die jedoch eher wie Hufeisen geformt sind. Sie lösen sich aus den Maschen eines Zaunes (unten im Bild) - doch wohin die Reise geht, ist man erst einmal ausgebrochen und wie tödlich der Strudel möglicherweise ist, in den die Einzelnen am oberen Bildrand geraten, das ist ungewiß. Zur Freien Meinung in der Anonymität der Sozialen Medien äußert sich das dritte dieser Bilder. Die einzelnen Stempelabdrücke geben jeweils den Daumen wieder, der als Zustimmung oder Ablehnung eine Darstellung der Realität oder einen Kommentar lobt oder abwertet. In der oberen Bildhälfte zeigen in einer militärisch anmutenden Formation alle Daumen in dieselbe Richtung. Ob die übrigen Daumen aus dieser festen Ordnung kommen und sich freigemacht haben, oder ob sie in die Ordnung hineingedrängt werden, in der es nur noch eine Meinung, nur noch Zustimmung gibt, läßt die Darstellung offen.

In der Reihe Farbklang und Linienspur nutzt Steffi-Babett Wartenberg zusätzlich die Farbigkeit, um die bekannten Themen zu umkreisen. So zeigt beispielsweise die Acryl-Tusche-Malerei Wenn gestern morgen wäre durch schwarze beziehungsweise goldene überlagerte Flächen, wie aus der Vergangenheit Dunkles und Lichtes, Bedrückendes und Wertvolles, Tod und Leben in unsere Zeit hinüberschimmern. Knüpfen wir am Wertvollen an! Denn wie gesagt: Das Vergangene ist nicht vergangen.

Ich wünsche Ihnen einen eindrucksreichen Nachmittag und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Cornelie Becker-Lamers, Weimar